Jamal Tuschick

Haltestelle: Staustufe Ost oder Die Rückseite der Stadt

Wer hier anzutreffen ist, der hält sich mit Schauen nicht auf. Der kennt in einer Sprache, die Deutsche verstehen, womöglich nur das Wort Job, das er so zu betonen weiß, daß es wie eine Frage klingt. Seine mit den Verhältnissen vertrauteren Kollegen trinken Export an Wasserhäuschen. Jeder sagt: "Ich bin Malocher."

Von der Hanauer Landstraße, die durchs Ostend führt, geht die Honselstraße Richtung Offenbach ab. Die Honselbrücke überspannt den Main. In Stein geschlagene, schon lange schwarz-verwitterte .Raubtierdarstellungen schmücken sie.

An einem Sommertag, der so heiß ist, daß man meint, sich mit dem Atmen die Lungen zu versengen, stehe ich mittags auf der Brücke. lch sehe den Fernmeldeturm, den Messeturm, den Dom vorm Römer, den Henninger Turm am Sachsenhäuser Berg und den Goetheturm, der aus dem Stadtwald ragt. Die Großmarkthalle an der Hanauer Landstraße schneidet den Monumenten des Frankfurter Wohlstandes die Rümpfe ab. Nur die Spitzen überragen den Bauch dieser Stadt.

Hinter dem Fernmeldeturm schwimmt die Taunuskuppe im Dunst. Die Ansicht gleicht einem grünen Bogen unter Milchglas. Darunter erstreckt sich eine vom Ziegelrot der Dächer gezogene Linie, von Baumkronen beleckt. Wo die Bäume stehen, erscheinen sie weniger üppig und ausladend als von meiner Warte.

Schwenk nach links. Vor der Großmarkthalle verläuft eine Bahnlinie. Sie hat eine eigene Brücke mit drei Bögen: geschwungenes Eisen. Aufragende Streben vergittern Sachsenhausen. Davor wird ein Schauspiel aus Metall, Rost und Steinen aufgeführt. Von diesem Schrott-Spektakel sehe ich nur die Gipfel. Überragt wird die Demonstration des Aufgerissenen und Auseinandergebogenen von Kränen auf massiven Hochstrecken. Das sind himmelwärts ragende Metallskelette, hinter denen der Henninger Turm steht. Dazwischen fließt der Main und darüber schluckt das Grün des Stadtwaldes alles.

Eine Viertelstunde lang entdecke ich keinen Menschen auf der Brücke, bloß Autos. Dann rollt ein Radfahrer vorüber. Etwas später schlendert gemächlich matt ein Jeansmädchen mit nußbraunem Pferdeschwanz heran.

Ich wandere weiter. Von meinem nächsten Standpunkt erkennt man von der Eisenbahnbrücke nicht mehr viel. Der Verkehr ist rege. Bis zum Gürtel nackte Männer gehen das Programm der Verlierer durch.

Dies ist Hafengebiet, beherrscht von Mannesmann und Thyssen. Überall sind Baustellen: in Gruben versenktes Metallenviroment. Viel Angefangenes liegt neben endgültig Aufgegebenem. Ruhendes Eisen, wohin man schaut. Unruhige Blicke, die mir gelten; dem Mann, der alles aufschreibt.

Rindswurst essende Teenager legen eine Spur, die aus der Industrie-Öde hinausführt. Ich folge ihnen zum Osthafenplatz, direkt an der Hanauer Landstraße. In dem geschützten Bezirk einer gastronomisch kultivierten Abstellzone sitzen Leute unter Sonnenschirmen. Sie sind Bürosphären entwichen. Wie ein Ruheraum im Autoverkehr wirkt jede Stelle, wo gegessen wird. Die hellen Fensterreihen des Mannesmann-Hauses, auf das ich schaue, schaffen zum Braun der Verkleidung einen Kontrast, den ich mit einem Foto festhalten möchte. Das ist ein ungewöhnliches Braun. In der Sonne leuchtet es wie Ölschlieren.

Die Angestellten erheben sich plötzlich, um an ihre Schreibtische zurückzukehren; Abgehärtete, die den wie mit riesigen Umwälzpumpen aufgewirbelten Straßenstaub schon längst nicht mehr als Störung empfinden. Allein ihre gereizten Schleimhäute geben Auskunft über den hohen Stressgrad, dem sie das Laissez-faire der Gewöhnung entgegensetzen.

Aus meiner Perspektive gewinnt die Hanauer Landstraße den Charakter einer Allee, durch die in aller Gemütlichkeit eine Straßenbahn rumpelt. Zwei außergewöhnliche Beispiele für Nasen-Piercing suchen Zuflucht im Schatten der Sonnenschirme. Sie besteilen Bier mit Cola und zünden sich sofort extralange Marlboros an.

Überall wird Standfestigkeit vorgeführt. Ich studiere die Anpassungsleistungen und Abgrenzungsverfahren fremdländischer Volksgruppen im Spiegel generationenspezifischer Ausprägungen. Ältere Türken sind eher defensiv. Ihre Söhne, oder sind das schon Enkel, beanspruchen Raum, provozieren mit Gebärden und tragen ihre T-Shirts wie Kampfansagen. Die Raver-Mode spielt in ihr Outfit, das sich auch an amerikanischem Gangstyle anlehnt. Reizklima.

An der nächsten Ecke liegt eine Metzgerei mit Tradition und anhaltendem Zulauf. Über der Glaswand des Verkaufsraums steht Gref-VÖIsings Rindswurst seit 1894. Wer das lieber mag, kann sich, gleich daneben, auch was Italienisches in der Pizzaria Adria holen. Ausgebaute Kioske flankieren die beiden Krippen- In so viel Verköstigungsmöglichkeiten auf engstem Raum steckt ein Geheimnis, das niemand allein mit dem Hunger der Werktätigen erklären sollte. Diese Essplätze haben etwas von Hinterzimmer-Kirchen. Dem Menschen scheint Gutes auch in einem höheren Sinn zu passieren, wenn der Wurstsaft über die Ufer seiner Lippen tritt, um aufs Kinn zu schießen.

Die Fleischesser drücken ihre Nasen gegen die Scheibe. Das Derbe, Breitärschig-Schwere dominiert, ganz gleich, ob mit Krawatte oder im Blaumann. Eine Reihe wild geparkter Taxis verrät, wo Chauffeure einkehren. Unversehens staut sich der Verkehr zu einem alten Eagles-Hit aus dem Autoradio: Hotel California.

Der Zutritt zum Osthafen ist pro form a reglementiert. Die Wasserschutzpolizei residiert in einem schäbigen Flachbau. Es gibt eine Zollstation.

Verödetes Areal. ... die Honselbrücke, nun aus der Feme Kiesberge auf der anderen Mainseite. Brandmauern, vor denen kniehoch Abfall steht. Speicher, Kräne, riesige leere Parkplätze, vereinzelt donnernde Lastwagen. Lufthansa-Maschinen überfliegen die Wüste in der Warteschleife. Ein Mann balanciert auf dem Ausleger eines unglaublich hohen Krans. Ein silbergrauer Mercedes breiten vorbei. Gedanklich siedelt man das alles unweigerlich in der Illegalität an. Ich bemerke einen toten Vogel, angefressen. Ich setze mich auf den geplatzten Beton einer Laderampe und höre Klogeräusche über mir.

Hier ist nur die Architektur groß. der Mensch erscheint als Außenseiter. Kaum jemand unterwegs. Ich registriere liegengebliebenes Werkzeug, Elektroschrott, auf Dauer abgestellte LKW-Hänger, Türme aus verrotteten Kanistern, stillgelegte Förderbänder, eine skelettierte Hollywood-Schaukel, eine rasende Maus, Schmetterlinge vor aufschießendem Unkraut. Ein Arbeiter nähert sich drohend: "Was gibts da zu schreiben?"

Kein Mensch kümmert sich um diesen gigantischen Prospekt auf der Rückseite der Stadt. Ich bin gekommen, um das in Ordnung zu bringen. Ich denke daran, wie ich einst als unglückliches Kid in den Briefen von James Joyce an Nora, (für den abergläubischen Ibsen-Fan ein Omen) Sätze fand, die ich sofort abschrieb und fortan als Motto nutzte: Write it, damn' you, write it. What else are you good for?

Ich entdecke Behälter, die wie große gelbe Ampullen auf Stahlstangen ankern; Eisenbahnschienen, die in Gestrüpp zu enden scheinen; stehengebliebene Waggons.

Ich passiere eine enorme Strecke rostenden Eisens, Schrott über Kilometer. Ich komme vorbei an aufgegebenen und ausgeräumten Hallen, wo ich die stinkenden Reste allernotdürftigster Lagerstätten finde und massenhaft leere Bierdosen. Ausgerechnet in dieser leergetretenen Industrielandschaft kriegt man eine Ahnung von den vorgeschichtlichen Bedingungen des Humanen.

Fenster sind immer eingeschlagen. Der Bruch stellt sich dem Betrachter als eine Serie bizarrer Muster in vom Schmutz blinden Glas dar.

In einem von Weiden bestandenen Winkel zwischen den eingemauerten Ufern eines Altarms des Mains dümpeln kleine Yachten. Zum Hintergrund gehören ein paar an ihren Flaggenbäumen erschlaffte Fahnen. Hier liegt ein algengrüner Teich in einem Rund aus Bäumen, hinter denen Dächer drohen. Hinter einer improvisierten Theke wartet eine füllige junge Frau in einem Kittel wie aus einem Versandhaus-Katalog um 1960. Ich kaufe eine Flasche Henninger-Pils und bekomme zum Wechselgeld einen unerwartet freundlichen Blick gratis.

Ich kehre in den industrieraum zurück. Jetzt erscheint er mir feindlicher als der Mond. Baustellenfahrzeuge schleifen Dreckfahnen durch die Straßen. Der Asphalt ist an Jeder Ecke aufgebrochen. Neben zahllosen Firmengebäuden mit weitläufigen Höfen, einer ungeregelten, - von Um- und Ausbauten bestimmten Anordnung großer Häuser, - finde ich immer wieder -Wohnungen der Armen. Deren Behelfscharakter offenbaren irregulär an Fensterrahmen montierte Parabolantennen und die praktisch auf dem Bordstein trocknende Wäsche.

Ich gehe durch das Revier in der Überzeugung, daß die Apologeten der Postmoderne und der nivellierten Gesellschaft dergleichen nie sahen. Hier ist man jeder Industriehöile dieser Welt näher als dem Frankfurter Westend. Allein ein kleiner Lebensmittelladen bietet den Trost, der im Konsum liegt. Der Besitzer heißt Joachim Gabler. Currywurst gibts und Cheeseburger, Gott sei Dank.

Wieder gelange ich an den Main. Ein Bus hält vor einem Schild mit der Aufschrift Staustufe Ost. Ein Tanzbetrieb unweit; der tagsüber wie in einer Erschöpfungsdepression daniederliegende Veranstaltungsort ist von Reklame umstellt. Ich gehe in einen Biergarten am Ufer, wo ich ztfsehe wie ein Schwan blitzartig seine Notdurft absondert. Ein mannshoher Gartenzwerg grüßt in der Lieblingspose der Exibitionisten, nackt unterm aufgerissenen Mäntelchen. Ein paar Bäume schaffen die Illusion von Naturnähe.

Ich bin durstig, der Schwan schlägt mit den Flügeln. Wieder kommt einer, um die Frage loszuwerden: "Was machst du da?" Ich schreibe auf, was ich sehe. Was sonst könnte ich tun? Einige ältere Jungen reden fachmännisch übers Boxen. Eine früh Verblühte dreht einen Joint, setzt ihn in Brand und reicht die Tüte demütig an einen hager-athletischen Knaben von vielleicht fünfundvierzig Jahren, der vor Mineralwasser sitzt, und bald mit einem Spezi, Typ: gewalttätiger Laufbursche, eine Ecke aufsucht; wo man sich bespricht. Das Mädchen ist ansehnlich. Der Stich ins Verkommene paßt. Ich verziehe mich. Vor dem Lokal stehen Limousinen.



 
 
 


Fotogruppe Frankfurt a.M.