Einführungsrede von Hartmuth Schröder, Fotograf
Ausstellung:
8° 43' Ost
Schwarz - weiß Fotografien Osthafen
in der Romanfabrik, FFM 14.2.1998-
19.3.1998
Guten Abend!
Die Vorgeschichte der heutigen Ausstellung ist schnell
erzählt:
Meine erste Begegnung mit dem Frankfurter Osten
hatte ich im Jahr 1996. Im Spätsommer dieses Jahres verlegte ich meinen
Wohnsitz nach Frankfurt, und auf meinen zahlreichen Fahrten zu einem beliebten
Baumarkt auf der Hanauer Landstraße war ich irritiert und begeistert
von den monumentalen, wie Grabstelen aus gewalztem Boden ragenden Betonpfeilern.
Graue Vorboten eines - heute rotverklinkerten - sogenannten Büroparks.
Kurz darauf fügte es sich glücklich, daß ich dem im Ostend lebenden Frankfurter Autoren Jamal Tuschik begegnete, dessen Text "Haltestelle Staustufe Ost oder Die Rückseite der Stadt" - den Sie im Anschluß an meine Ausführungen hören werden -mir zum liebgewonnenen Leitfaden für meine Spaziergänge durch den Osthafen wurde. Und so lernte ich, lange bevor ich manche der offiziellen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu Gesicht bekam, u.a die steinernen Raubtiere auf der Honsellbrücke, den Schwedlersee sowie die Sand- und Kiesberge an der Franziusstraße kennen.
Und so nebenbei entstand die Idee, mir und anderen dieses Gebiet fotografisch anzueignen. Ein paar Monate später - im Frühjahr 1997 - begann dann die Arbeit einer VHS - Kurseinheit unter dem Titel "Der Osthafen. Ein fotografisches Projekt." 11 Personen haben bis heute mit mir durch - und mich, als Kursleiter, ausgehalten, um Ihnen jetzt ihre Eindrücke aus dem Osthafen vorzustellen: Zur Lobpreisung, zu konstruktiver Kritik.
8° 43' Ost ist also eine Gruppenausstellung.
Gruppenausstellungen - zumal solche, die ein gemeinsames Thema bearbeiten -haben für Betrachterinnen und Betrachter Vor- und Nachteile zugleich.
Beginnen wir mit dem Vorteil: Alle hier gezeigten Fotografien sind im weitesten Sinne dem Genre der Dokumentarfotografie verpflichtet. Einem fotografischen Arbeitsstil also, der "...Licht in den Schatten bringen will, aufklären, kritisieren und Partei ergreifen. Und auch dann, wenn sie nicht dezidiert kämpferisch angelegt ist (wie zum Beispiel die Arbeiten des Hamburger Fotografen Günther Zint in den 70er Jahren), zielt sie doch auf das Alltägliche, das leicht übersehen wird, auf das nicht oder wenig beachtete, das Marginale, auch und gerade in seiner scheinbar banalsten Form.", so Brigitte Werneburg in ihrem Aufsatz "Für einen reflexiven Begriff der Dokumentarfotografie" (1).
Alle hier gezeigten Fotografien sind - und dies sollte man heute dazusagen - in herkömmlicher Form auf Silberfilm belichtet und von den Autorinnen und Autoren anschließend in der Dunkelkammer von Hand auf Barytfotopapier vergrößert worden. Die Vergrößerungen wurden auch nicht nachträglich digitalisiert und rechnergestützt verändert. Wir vertrauen also darauf, daß diese fotografischen Dokumente die Realität abbilden, daß sie die Wahrheit zeigen. Aber seien wir vorsichtig: eine Fotografie kann immer nur eine spezifische Sichtweise sein, nämlich die des Akteurs hinter der Kamera. Und gerade dies wird in den sehr unterschiedlichen Ansätzen einer Annäherung an den Osthafen deutlich, die eine Gruppenausstellung wie diese zusammenfaßt.
Gern würde ich nun mit Ihnen über mindestens je eine Fotografie einer jeden Autorin oder eines Jeden Autoren sprechen. Allein Ihr erfreulich zahlreiches Erscheinen, die räumliche Enge sowie der Rahmen einer solchen Einführung verbieten mir dieses, mein Vergnügen über Bilder zu sprechen. Die meisten von Ihnen werden aber sicherlich einmal unsere Einladung in den Händen gehalten haben, und aus diesem Grund möchte ich auf die darin abgebildeten Arbeiten kurz näher eingehen.
Ich wende mich zunächst der Fotografie in der
Innenseite unserer Einladung zu:
der Baggerschaufel,
Fahles Seitenlicht läßt die Materialität dieser Baggerschaufel ohne Einschränkung zur Geltung kommen. Die Schatten sind bei diesem Licht voll durchgezeichnet. Nichts bleibt verborgen. Die Seitenansicht nennt Tiefe. Das halbgeöffnete Ruhen der Schaufel auf dem Sandhaufen läßt keinen Zweifel an ihrer Funktion aufkommen. Ein in seiner symbolhaften Präsentation - mittenzentriert im Format - eindeutiges Dokument des Gegenstandes Baggerschaufel, ganz in der Tradition der Fotografie der Neuen Sachlichkeit, deren führender Vertreter, Albert Renger - Patzsch, wohl einer der bekanntesten deutschen Fotografen dieses Jahrhunderts ist. Lediglich im Hintergrund stehende Container verweisen auf einen Ort: vermutlich ein Umschlagplatz. Der genaue Ort definiert sich erst durch den Kontext der Ausstellung und durch die Sprache: 8° 43' Ost.
Allerdings fehlen die Drahtseile, an denen die Schaufel hängt, der Krahn - wenn es ihn überhaupt gibt. Wird mit dieser Schaufel noch gearbeitet, oder aber handelt es sich "lediglich" um ein vor sich hinrostendes Relikt vergangener Zeit mitten in einer Industriebrache? Und schon gar nichts erfahren wir über die gesellschaftlich -historischen Bedingungen, unter denen mit dieser Baggerschaufel gearbeitet wurde oder wird, wem sie gehört oder wem sie gehören sollte, noch, was mit ihr zukünftig geschieht.
Der konsequent klare Standpunkt des Bildautoren und eben seine äußerst kompromißlose Art, in der er uns seine Aufnahme des Gegenstandes Baggerschaufel zeigt, mag Motiv und gewünschtes Resultat dieser Aufnahme sein. Dennoch zeigt uns das Bild nur die spezifische Sichtweise des Autoren, denn: viele Fragen bleiben offen, werden an uns, die Betrachter, zurückgegeben,
Das Bild, das wir für die Rückseite unserer Einladung verwendet haben, unterscheidet sich eklatant von dem eben besprochenen. Ins Auge springt sofort ein ausgesprochen hohes Maß an Gestaltungswillen der Autorin: Formal ebenso wie bei der Ausarbeitung des Negatives in der Dunkelkammer in hohem Kontrast. Der sorgfältig gewählte Kamerastandpunkt vermeidet ungünstige Überschneidungen, gibt geschickte Durchblicke frei und eine eindeutig blickführende Diagonale - in ausgewogenem Verhältnis zu horizontalen und vertikalen Linien - endet im Schwarz rechts unten und "fesselt" damit den Betrachter im Bild. Durch die Wahl einer langen Brennweite als Aufnahmeobjektiv wird perspektivisch zusammengezogen, was zusammengehört und dies - wie ich meine - auch noch in der richtigen Reihenfolge: ohne das schwarze Ungetüm im Vordergrund wären die da im Hintergrund, im Licht und von innen leuchtend nicht zu denken. Jeder Kenner der Stadt Frankfurt ist in der Lage, aus der Staffelung der abgebildeten Architektur sofort den ungefähren Standpunkt zu identifizieren.
Trotz des gezeigten krassen Gegensatzes ein fotografisches Dokument voller Harmonie. Viele von Ihnen mögen beim Betrachten dieser Aufnahme an das fotografische Werk Andreas Feiningers denken, dessen New Yorker Ansichten zur Zeit noch in der Kunsthalle Schirn zu sehen sind.
All das waren unter anderem meine Gedanken beim Betrachten dieser Fotografie. Was mir fehlt: die Motive der Autorin. Ich kann sie heute abend erfragen - oder lieber nicht?
Viele der in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten, die ich nun im weiteren leider vernachlässigen muß, gehen bei der Standortbestimmung Osthafen sehr viel radikaler vor: in subjektiv formulierten Detailaufnahmen, in krassen An- und Ausschnitten, die häufig durch extreme scharf/unscharf - Kontraste gesteigert werden, oft auch Jenseits aller Maximen europäischer Gestaltungslehre wird im Besonderen, im Verborgenen die Spur des Allgemeinen gesucht. Das von mir eben benutzte Wort "radikal" möchte ich in diesem Fall nicht als wertend mißverstanden wissen.
Wenn ich im Laufe meiner Ausführungen gesagt habe, auch ein fotografisches Dokument kann immer nur eine spezifische Sicht der Dinge zeigen, so möchte ich jetzt noch weitergehen: selbst diese eine Sicht unterliegt nur bedingt der bewußten Entscheidung der jeweiligen Bildautoren, vielmehr werden unbewußt ebensoviel verinnerlichte Muster des sozialen Daseins transportiert, denen die Autoren unterliegen; ganz zu schweigen vom ökonomischen Druck des Auftraggebers in der professionellen Reportagefotografie.
Der Fotograf und Fototheoretiker Reinhard Matz faßt diesen Aspekt der Dokumentationsfotografie folgendermaßen zusammen:
"Marx' Studien zur politischen Ökonomie, Freuds Gründung der Psychoanalyse. Lacans (2) und Foucaults (3) Thesen zur prägenden Gewalt sprachlicher und diskursiver Strukturen zeugen von der fortschreitenden Dezentrierung des Bewußtseins oder des Ichs, d.h. der Vorstellung eines autonom und souverän agierenden Subjekts. Insofern kann das Werk nicht mehr als die Realisation einer im Bewußtsein des Produzenten fertigen Vorstellung oder Wirklichkeitsabbildung angesehen werden, die mit der Frage zu erschließen wäre, was denn der Autor uns hat zeigen wollen, sondern es ist als Effekt einer Vielzahl größtenteils auch dem Produzentenbewußtsein latenter Wirksamkeiten zu begreifen. Freud hat für die Struktur der Vielheit von Faktoren, die einen Traum, eine Fehlleistung oder eine psychische Erkrankung bewirken, den Begriff "Überdeterminierung" geprägt. Wenn wir versuchen, eine Fotografie entsprechend als ein überdeterminiertes Produkt zu begreifen, ist der fotografischen Betrachtung und Kritik die Anstrengung aufgegeben, angesichts von Fotografien weder allein über die gezeigte Wirklichkeit zu reflektieren, noch sie als genialen Ausdruck künstlerischer Subjektivität entgegenzunehmen, sondern vielmehr in einer symptomatologischen Analyse ihrer spezifischen ästhetischen Form, also gerade der durch sie gebildeten Differenzen zur vorgegebenen Wirklichkeit, zum Modus ihrer alltäglichen Wahrnehmung und zur bildnerischen Konvention, die mit ihnen produzierten Bedeutungen zu ermitteln (4).
Menschen sind in unseren Bildern nicht zu finden. Allein deren Spuren in einem bestimmten Raum finden sich darin wieder und führen so zu ihnen zurück. Dies war - ehrlicherweise - nicht von vornherein so beabsichtigt. Die Tatsache aber, daß alle Beteiligten an diesem Projekt nebenbei einer ganztägigen Berufstätigkeit nachgehen, hatte zur Folge, daß wir nur zu Zeiten fotografieren konnten, in denen der normale Hafenbetrieb ruhte, sprich: nachts und an Wochenenden; was nicht heißt, der Osthafen sei menschenleer zu diesen Zeiten. Dennoch möchte ich darüber hinaus zu bedenken geben: Für fast alle an dieser Ausstellung Beteiligten war es die erste Erfahrung, sich über einen so langen Zeitraum mit einem Thema fotografisch auseinanderzusetzen. Das verlangt Disziplin und forderte Kraft genug, so daß wir uns entschlossen haben, uns zunächst auf diese Art der Spurensuche als eine Möglichkeit der Auseinandersetzung zu beschränken. Denn: Jedes Projekt muß auch mal ein Ende haben. Etwaige Enttäuschung über vermißte Tätigkeit im Bild möchten wir durch die Tondokumente im Hintergrund (Orginal Osthafen!) befriedigt wissen.
Zu guter Letzt:
Gruppenausstellungen mit unterschiedlichen stilistischen Ansätzen sind schwierig zu hängen, kompromißlose Gruppierungen lassen sich kaum realisieren. Wir haben unser Bestes versucht. Die Thematik Osthafen hätte gewiß auch unterschiedliche Präsentationen der Fotografien angeboten - und an Ideen dazu hat es nicht gemangelt - doch Entscheidungsprozesse in Gruppen sind oft schwierig und einfach zu langwierig. Aus diesem Grund die vielleicht etwas unlebendige klassisch - strenge Form der Darbietung.
"Ich mißtraue dem Einzelbild", dieser von mir im Unterricht gern zitierte Satz des langjährigen hannoverschen Fotografieprofessors Heinrich Riebesehl, verweist auf eine Tatsache, die eine Gruppenausstellung den an ihr Beteiligten leider nicht bieten kann: nämlich den Beweis anzutreten, daß gesetzte Thema auch allein bewältigen zu können. Aber: Ausgestattet mit den Erfahrungen kollektiven Arbeitens, sollte es nun für Euch an anderer Stelle kein Halten mehr geben.
Für den heutigen Abend gilt allerdings eine noch Jüngere Weisheit aus der Welt des Sports, ich muß an dieser Stelle Berti Vogts zitieren; "Die Mannschaft ist der Star."
In diesem Sinne an die Elf:
1000 Dank für Euer Engagement. Das Ergebnis
kann sich sehen lassen.
Hartmuth Schröder