Ausstellung der fotogruppe-ffm
am 18.4.2002 im Kunst-Salon,
Café Schopenhauer,
Frankfurt am Main
Verehrte Gäste, meine Damen und Herren!
Wer die Geschichte der Fotografie mit der ersten Daguerrotypie beginnen läßt, verweist sie wider Willen ins Reich der Mechanik und betreibt so ihre Vertreibung aus den Gefilden der Kunst, geradeso, als müsse die Musikgeschichte mit der Datierung einer vorchrist-lichen Hundepfeife anfangen.
Tatsächlich verdankt sich die Fotografie einer Entdeckung recte Erfindung, die den Rahmen künstlerischer Arbeitsweisen und Reproduktionstechniken in schnellen Schritten gewaltig erweiterte, ihren Geist jedoch weder aus dem Silbersalzbad gewann, noch in der Linsenschleiferei empfing: Sinn & Sein der Lichtbildnerei ist und bleibt die subjektive Auseinandersetzung mit der sichtbaren Welt mittels der Instrumente eines Handwerks, zu welchem auch Blinde befähigt scheinen, sofern sie Seherfahrung haben und ein Stamm-café am Montmartre, womit wir bei der Schlüsselfrage wären: Was aber ist Kunst? Obwohl es eine obligatorische staatliche Kunst-erziehung gibt, und, wenn es nach Joseph Beuys ginge, 80 Millionen Kunstschaffende allein in Deutschland zugange wären, bietet jeder wirklich und redlich mit Kunst befaßte Zeitgenosse eine andere eigene Definition an, womit bewiesen wäre, daß Kunst in den selben vernebelten Determinationsraum gehört wie Liebe, Freiheit und Seelenadel, Wertgetüme, welche unseren eigentlichen Lebensluxus ausmachen als Last und Leichtsinn zugleich.
Deshalb spricht man klüglich von bildender Kunst, welche ursprünglich eine abbildende Kunst war, und genau dies leistet die Fotografie mehr oder weniger kunstvoll, und wer den Welt-kunstbestand von Malerei und Grafik nach Sujets sortieren wollte, käme alsbald zu der Feststellung, daß die ersten Bildmotive in der Vergangenheit immer noch die häufigsten in der Gegenwart sind, nämlich Lebewesen und Landschaften, wobei ich Blumen, Nahrungsmittel und Tierleichen, die Standardzutaten des Stillebens, als biologisch lebendig betrachte und Stadtansichten sowie Straßenszenen als den Landschaften zugehörig ansehe.
Nun bedeutet Sehen nicht unbedingt Erkennen und eben drum darf man vermuten, daß es mit der Kunst noch etwas ganz anderes auf sich hat als bloße Huldigung des Wahren, Schönen, Guten, also schierer Kultus sei: Ich denke, Kunst ist das Gedächtnis der Menschheit. Wenn wir bedenken, daß unter den Defiziten der Schöpfung unser miserables Merkvermögen an erster Stelle steht (nicht, weil das so peinlich wäre, sondern weil es sich so katastrophal auswirken kann!), dann verstehen wir unser uraltes triebhaftes Bemühen, Töne zu sammeln, Worte zu fixieren, Bilder zu bewahren, also sinnliche Erfahrungen in geeigneter Gestalt und Gerinnung zu überliefern. Natürlich kann man damit auch Geld verdienen, doch ist das eher Folge, als Vorsatz, und wenn wir das Kunstwerk als Memorandum begreifen und bewerten, dann sparen wir sogar Geld, hauswirtschaftlich gesehen, denn so, wie die Kunst am Bau und im öffentlichen Raum der meckernden Mehrheit die Anschaffung aktueller Kunstwerke erspart und den Besuch einer eintrittspflichtigen Pinakothek erübrigt, müßten uns Ansichtskarten die Reiselust austreiben, indes genügt das frankierte Faktum einer Fernbotschaft, daß Neid und Sehnsucht geweckt werden: Wie häßlich das Hauptpostamt von Honolulu auch sein mag, wie beliebig die Strände und Pisten der internationalen Fremdenverkehrsinseln – da muß man hin! Von dort wollen die Hempels & Co coloriert grüßen, obwohl ein paar ungeschminkte Schnappschüsse von den Brennpunkten der Völkerwanderung oder den Wanderungen des Zivilisationsmülls etcetera echten Appetit machen müßten auf das wahre Leben.
Womit wir beim Thema sind: 3 km Berger, eine Exposition der fotogruppe-ffm hier und jetzt. Zum Verständnis der Ortsfremden und der geschichtsbewußten Ortsansässigen unterrichte ich Sie kurz aus einer lokalhistorischen Quelle:
>> Die Berger Straße ist keine alte
Landstraße, sie hat sich erst im
Laufe der Geschichte zu ihrer jetzigen
Länge von rund 3 km aus
Teilstrecken entwickelt. Nach mittelalterlichen
Stadtplänen führte
der Weg zum Dorf Bornheim durch die Allerheiligen
Straße und
die Breite Bornheimer Straße (heute
Breite Gasse).
Wo heute die Berger Straße ist, waren
früher Wälder, Wiesen
und Äcker und der Elkenbach schlängelte
sich von der
Günthersburg in Bornheim bis zur
Stadtgrenze von Frankfurt. Der
Platz um die heutige Merianstraße
und Bornheimer Landstraße,
genannt Bornheimer Heide, wurde als Viehweide
genutzt. Die
Heide war Schauplatz bedeutender Staatsaktionen
und findet
sogar Erwähnung in Goethes "Dichtung
und Wahrheit".
1832 erschien im Grundriß der Stadt
Frankfurt ein kleiner
namenloser Feldweg,1859 hatte er einen
Namen: Frostkellerweg.
Erst 1862 erschien zum ersten Male der
Name Berger Straße für
das Straßenstück bis zur Bornheimer
Heide, deren südliche
Grenze die Merianstraße war. 1877
erfolgte im Zuge der
Eingemeindung des Dorfes Bornheim in die
Stadt Frankfurt die
Umbenennung einiger Straßen in Bornheim;
der ganze
Straßenzug von der Friedberger Anlage
bis zur Seckbacher
Gemarkungsgrenze trug von nun an den Namen
Berger Straße.
Einige Seitenstraßen rechts und
links der Berger wurden nach
deutschen Philosophen genannt: Herder,
Hegel, Kant, Herbart,
Schelling, Schleiermacher, Leibnitz und
nicht zu vergessen
Schopenhauer.
Heut gehört die Berger Straße
wohl zu den buntesten Straßen
Frankfurts, eine Mischung aus ländlicher
Idylle und Großstadtflair.
Man kann sie, nach den drei U-Bahnstationen,
in drei Teile
unterteilen: Von Bornheim Mitte aufwärts,
das alte Bornheim,
früher das "lustige Dorf" genannt,
dort ist die Berger eng und
verwinkelt, mit windschiefen Häuschen
und alten Kneipen.
Das mittlere Stück geht bis Höhenstraße.
Hier wird eingekauft,
hier gibt es die meisten Geschäfte,
nicht zu vergessen den Markt
am Samstag, aber auch das legendäre
Berger Kino, sowie die St.
Josefs-Kirche.
Im südlichen Teil um den Merianplatz
herrscht mediterrane
Atmosphäre, im Sommer sitzen hier
vorwiegend junge Leute mit
schwarzen Sonnenbrillen in den Straßencafés.
<<
Ende des Zitats.
Diese Anatomie und Charakteristik einer Großstadtstraße zeigt auf, daß es sich in keiner Hinsicht um eine sehr spezielle oder gar einzigartige Straße handelt, sondern um eine besonders typische Straße, exemplarisch für jene deutschen Großstadtstraßen, die von
drei politischen Eingriffen geformt und geprägt wurden: von der Industrialisierung, vom Luftkrieg und von der Migration, alles keine Renovierungsmaßnahmen, keine allseits beglückenden Entwick-lungen, sondern Zäsuren und Prozesse, administrative Gewaltakte und Modernisierungsfolgen privater Natur, denn so, wie die Eingeborenen in den Zentren des Kolonialismus einst mit ihrer Authentizität ihre Würde verloren, verloren die weißen Wilden der europäischen Vorstädte mit ihren Äckern und archaischen Gewerben ihre Souveränität, und natürlich ist ein Deutschtürke kein Eurasier, sondern ein soziologisches Forschungsobjekt, und eine griechische Weinstube ist nicht per se eine Bereicherung, sondern zumeist eine Versuchsstation des deutschen Geschmacks. Dergleichen finden Sie hier andeutungsweise dokumentiert, doch wir wissen Bescheid und bestätigen, daß 98 % der Exponate kennzeichnend sind für Stadtbilder eines Kulturraums, der, millionenmal größer als Bornheim, völlig gleichartig erschiene, sobald eigentümliche Beschilderungen und spezifische Muttermale entfernt oder verfremdet würden. Wir wissen auch, daß der heutige Stand der Technik jedwede Fälschung erlaubt – die Könnerschaft besteht künftig nur noch darin, diese Fälschungen nachzuweisen. Wir wissen ferner, daß die Macht über die visuellen Medien jegliche globale Herrschaft sichert, und wir registrieren, daß diese Herrschaft zuerst über die Fotografen ausgeübt wird, daß der Kampf der Bildberichterstatter nicht nur generell gegen Zensur und Pressionen vor Ort geführt wird, sondern für den Fortbestand unabhängiger Agenturen und einer nicht nur namentlich freien Presse. Die Tatsache, daß der Bildanteil in den Printmedien stetig wächst, daß die diversen Fernsehsender uns an den entferntesten Feuerwehr-einsätzen und Guinnesrekorden teilnehmen lassen, daß die Werbung ihre Botschaften weitestgehend mit der indiskreten Kamera steuert – all diese flutenden Freizügigkeiten täuschen darüber hinweg, was wir nicht zu sehen bekommen, und daß wir dies wissen und vermissen, verdanken wir vor allem unseren eigenen Augen als Zeitzeugen, der Kunst als Memorandum, dem déjà vu und der fotografischen Konterbande, und so fragen wir uns, wer warum welche ästhetischen und politischen Unliebsamkeiten ausblendet, retuschiert oder schlichtweg ignoriert, und selbst-verständlich werden laufend Filme vernichtet im Zuge politischer Qualitätskontrollen....
Hier, so meine ich, ergibt sich eine der großen Chancen des nonkommerziellen Fotoreporters, vorausgesetzt, er oder sie vermag uns die Welt vorzuführen beiderseits der Fotogenität, gleichsam als Partisanen und Pioniere einer neuen Sehkraft, die ich hier auf der Berger ohne Zögern als prollpower einfordern würde, selbstredend rein formalästhetisch. Es ist das alte Leiden der abbildenden Künstler, es immer auch mit einem Publikum zu tun zu haben, das die Akzeptanz der Kunstwerke davon abhängig macht, ob man erkennen kann, was es sein soll, und daß dies dann so schön sei, wie man selbst es schön fände. Anmaßender als der Gast, welcher ein reell eingeschenktes Bier erwartet, besteht die Mehrheit der Menschheit auf dem Augentrosteffekt der Kunst: sie soll schmücken und begeistern, aber auch kaschieren und harmonisieren, und weil letzteres keine Kunst ist, lebt die Welt weiterhin in Unfrieden.
Auch die 3 km Berger bilden kein Gestade der Glückseligen, sondern – wie der selige Karl Napp es einmal nannte – "eine Schneise in der Scheibe vom Mutterkuchen Erde". Und deshalb sind die modernistischen Ansichtskarten ebenso zeitlos - zeitgemäß wie die elektrische Gaslaterne vor dem Internet-Café und das rote Geranium im Betonkübel neben der Dönerbude, und deshalb dürfen wir von der fotogruppe-ffm nicht erwarten, daß sie uns ein Poesiealbum des Absonderlichen präsentiert, sondern die politisch ziemlich korrekte Tagesschau des Normalen und des Normativen bietet. Und das ist o.k.
Es kann gar nicht anders sein, denn entgegen allen gängigen Textklischees vom Leben als Bühne, als Theater, ist das, was dem Beobachter vor die Kamera kommt, auch dann kein Theater, wenn es als solches beabsichtigt ist. Solange Bilder nicht eigenhändig inszeniert werden von fotografierenden Bildermachern (wie in der Mode- & Werbefotografie oder in der politischen Propaganda), haben die Kiezportraitisten sich zu entscheiden, ob sie Hunde, Katzen, Kinder, Frauen dito Frühlingsblumen ablichten oder Bruchstücke Babylons auskundschaften. Man/frau kann 3 km Berger Meter für Meter knipsen und als Megaleporello produzieren, man/frau kann im Auftrag der Stadt oder der Bank of Bornheim ein sehr dickes Bilderbuch anfertigen und ein noch dickeres inklusive Hinterhöfe und Seitenstraßen – es ist ein weites Feld, diese altneue Gemarkung, doch kein Wanderweg Fontanischen Formates. Was wir hier sehen und begießen wollen ist der Versuch einer Gruppe von Enthusiasten, im Rahmen einer selbstgestellten Aufgabe einzelne, deutlich subjektive Ansichten in eine um Objektivität bemühte Gesamtschau einzubringen, aus welcher sich die Konturen eines Gesamtbildes abzeichnen: Das Profil einer Straße der tausend Nasen. Ob dieser Versuch gelungen ist, kann nur von verschiedenen Standpunkten verschieden beurteilt werden – sehen Sie selbst!
Ich kann mir vorstellen, daß diese Ausstellung für viele ihrer Betrachter ein Anlaß ist, die Berger Straße in voller Länge kennenzulernen oder neu wahrzunehmen, nicht nur, um die Motive dieser Schau aufzuspüren und kritisch zu rekurrieren, sondern selbst sich ein Bild zu machen, eine Kneipe zu testen, eine Wohnung zu suchen oder einen anderen Menschen.
Arthur Schopenhauer, der bekannteste Bernemer Bub, meinte dazu: "Was die Leute auf die Strasse treibt, ist ihre Unfähigkeit, sich allein oder zu zweit zu ertragen." Schopenhauer vergaß, was ihn selbst auf die Straße trieb: sein geliebter Pudel und das Lebenselexier aller Schwarzweißseher, die Neugier. Von letzterer jede Menge wünsche ich allen Fotografinnen und Fotografen und ein herzliches Glück auf, Blende!
Uve Schmidt